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CARL ORFF

Carl Orff ist in seinem Leben und Schaffen auf vielfältige Weise zu einem Mittler zwischen Gegensätzen geworden...

da finden wir auf der einen Seite den ganz in seiner Heimat verwurzelten und von ihr tief geprägten Bayern; auf der anderen Seite einen Mann, der außereuropäische Musikinstrumente in seine Musik integriert und dessen Schulwerk und Carmina Burana weltweite Verbreitung finden; da ist der Tonkünstler, der gleichzeitig Wortkünstler ist - ein Musiker also, der die Sprache nicht gering achtet, sondern dem sie wesentliche Säule und Inspiration seines Schaffens ist; da ist der Künstler, der sich mit Alter Musik und antiken dramatischen Stoffen intensiv auseinandersetzt und dann zu einer neuen, unverwechselbar eigenen Tonsprache und einem solitären Musiktheaterstil findet; ein Mann schließlich, der nicht nur Mittler, sondern auch Vermittler ist, indem er ein pädagogisches Grundlagenwerk schafft, mit dem er die nachfolgenden Generationen erreicht:  ja, alles dies - Bayern und Welt, Alt und Neu, Musik und Sprache, Musik und Theater, Musik und Bewegung - läuft bei Carl Orff zusammen. Sucht man nach einem Bindeglied, einem einenden Prinzip hinter der Vielfalt, so könnte man formulieren: „Rhythm is it!“ Denn ob man nun die Bedeutung der Perkussionsinstrumente für das gesamte Werk Orffs betrachtet, die musikalische Gestaltung seiner Bühnenwerke oder das tiefe Interesse des Komponisten am rhythmischen Gehalt der Sprache, eins wird ohrenfällig:  Der Rhythmus ist zentraler Bestandteil des Orffschen Schaffens.

Carl Orff, am 10. Juli 1895 in München geboren, findet früh zur Musik: Das musikalische Elternhaus ermöglicht ihm Klavier-, Cello- und Orgelunterricht. Die ersten Kompositionen aus dieser Zeit, Vertonungen von Gedichten Hölderlins und Heines, beweisen das bereits angelegte Interesse Orffs am Zusammenspiel von Wort und Musik.

Das Studium an der Münchner Akademie der Tonkunst bringt eine weitere Facette Orffs zum Vorschein: Da ihm der Unterricht dort zu konservativ ausgerichtet ist, beschäftigt sich Orff parallel in eigenständigen Studien mit der Musiksprache Schönbergs und Debussys.

Doch noch ist der Komponist auf der Suche nach seiner eigenen Sprache. Ab 1915 arbeitet Orff zunächst als Kapellmeister an den Münchner Kammerspielen, dem Nationaltheater Mannheim und dem Hoftheater Darmstadt. In dieser Zeit entstehen erste Bühnenmusiken zu Shakespeares Sommernachtstraum und Büchners Leonce und Lena.

Als ihm Curt Sachs 1921 rät, sich mit Monteverdi zu beschäftigen, erhält Orff einen entscheidenden Impuls für seine musikalische Entwicklung. Er studiert Musikdramen des frühen Monteverdi und bringt Mitte der 20er Jahre drei Neubearbeitungen heraus: Orpheus, Klage der Ariadne und Tanz der Spröden. Später wird Orff diese Zeit seine „Lehrjahre bei Monteverdi“ nennen und erläutern, es sei ihm dabei nicht „um eine historische Bearbeitung“ gegangen, sondern „um eigene Stilfindung anhand eines Meisterwerks der Vergangenheit“.

1924 gründet Orff zusammen mit der befreundeten Dorothee Günther die Güntherschule in München, eine Ausbildungsstätte für Gymnastik, Rhythmik und Tanz. Hier entwickelt Orff ein Ausbildungskonzept, das Musik, Sprache und Bewegung gleichermaßen umfasst und als Orff-Schulwerk bekannt werden wird. Ziel ist, durch spielerischen Umgang mit tänzerischem, musikalischem und sprachlichem Material die eigene Kreativität der Kinder zu fördern. Basis dieses pädagogischen Konzepts ist die Improvisation. In den Jahren 1932-35 veröffentlicht Orff in Zusammenarbeit mit Gunild Keetman erste Unterrichtsmaterialien als Elementare Musikübung. Zwischen 1950-54 erscheint dann eine überarbeitete, erweiterte Auflage in fünf Bänden unter dem Titel Musik für Kinder.

Das Lehren wird zeitlebens eine wesentliche Rolle in Carl Orffs Leben spielen. Von 1950-1960 unterrichte Orff eine Meisterklasse für Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik in München; 1963 wird in Salzburg das Orff-Institut gegründet, welches der Verbreitung und Lehre des Orffschen Schulwerks dient.

Als Komponist erfährt Carl Orff im Jahre 1937 seinen Durchbruch mit den Carmina Burana. In dieser Vertonung ausgewählter Gesänge aus der Benediktbeurer Handschrift findet Orff zu seiner eigenen Sprache und schafft ein ganz neuartiges Musiktheater. Ihm selbst ist die Bedeutung des Stückes für seinen künstlerischen Weg klar bewusst, und er verkündet: „Mit den ‚Carmina Burana’ beginnen meine ‚gesammelten Werke’.“

In den folgenden Jahren entstehen eine ganze Reihe von Bühnenwerken. Zu ihnen gehören die „Märchenstücke“ Der Mond (1937) und Die Kluge (1943); die Catulli Carmina (1943) Trionfo di Afrodite (1953); das sogenannte „Bairisches Welttheater“ mit Werken wie der Bernauerin (1947) und den Astutuli (1953); sowie die griechischen Tragödien Antigonae (1949) Oedipus der Tyrann (1957/59) Prometheus (1968). Für die drei letztgenannten Werke findet Orff wiederum einen gänzlich neuen musikalischen Stil. Ein „Festspiel und kultisches Theater“ sei die Antigonae, erklärt Orff und verweist damit zurück auf die Geburt des Theaters aus dem Ritus.

1972 komponiert Orff den Gruß der Jugend für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München. Ein Jahr später wird sein De temporum fine comoedia. Das Spiel vom Ende der Zeiten in Salzburg uraufgeführt. Wenn sich am Ende dieses Stücks der gefallene Engel Luzifer wieder in einen Erzengel verwandelt, schließt sich – auch für Orff- ein Kreis. Es sollte sein letztes Bühnenwerk sein.

Die herausragende Bedeutung Carl Orffs als Musikdramatiker und Pädagoge spiegelt sich wieder in zahlreichen Auszeichnungen. Die Universitäten von Tübingen und München verliehen ihm die Ehrendoktorwürde, weiterhin wurde er u.a. mit dem Bayerischen Verdienstorden und dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Agnes Bethke


Das Foto auf dieser Seite wurde uns zur Verfügung gestellt von der Carl Orff-Stiftung.