Liselotte Orff hat es ermöglicht, dass die Carl Orff-Festspiele Andechs seit zwei Jahren ein Projekt mit Leben füllen können, das Carl Orff selbst noch vorschwebte aber nicht mehr realisieren konnte: Die Andechser ORFF® - Akademie des Münchner Rundfunkorchesters.

Frau eines Künstlers zu sein ist nicht leicht. Genau genommen ist dies schon eine Kunst. Das Erbe eines Künstlers zu sein ist eine noch schwierigere Kunst. Post mortem des allseits verehrten Meisters fühlen sich viele berufen im Geiste des Schöpfers zu handeln, zu verkünden, sich zu stilisieren. Allein, diese sind nicht auserwählt, sondern gerne selbst ernannt. Das wäre im Sinne von Carl Orff – mit dieser Phrase lässt sich vieles vergolden, was genau nicht im Sinne Orffs ist. Nachgeborene, Nachlasser, Nachfühler gerieren sich leidenschaftlich als Entdecker des Werkes eines Künstlers. Sie sind die Kolonialisten des Komponisten Kontinents. Das alles ist Frau Orff nicht. War es nie, wird es nie sein.
Als Künstlerischer Leiter der Carl Orff Festspiele Andechs schreibe ich das gerne. Weil es stimmt! Frau Orff ist ein Glücksfall, eine Bereicherung, ein guter Mensch. Klingt wie eine Geburtstagsansprache, ist aber trotzdem eine Tatsache. In gewisser Weise bin ich als Regisseur der Werke von Carl Orff auch seinem Erbe verpflichtet, muss handeln und verkünden, darf es. Sich dabei auf den Geist von Carl Orff zu berufen ist wohlfeil, daher gefährlich, siehe oben. Es ist mir aufgetragen jedes Jahr etwas Neues im Werk des Künstlers zu finden, ohne etwas zu erfinden. Reizvoll, heikel. Wird vom Geist des Schöpfers gesprochen, muss es kein Fehler sein denjenigen zu kennen, zu befragen, zu erleben, der Orff kannte, befragte, erlebte und liebte.
Die Andechser ORFF® Akademie des Münchner Rundfunkorchesters. Langer Name, ist aber alles drin, was draufsteht. Und – es ist im Geiste von Carl Orff. Woher ich das weiß? Von Frau Orff. Als die Idee zu dieser Orchester Akademie geboren wurde, war mir kaum etwas wichtiger als mit ihr darüber zu sprechen, sie zu befragen. Der romantische Aspekt dieser Befragung – der Orffsche Garten in Dießen, Apfelkuchen, spätsommerliche Nachmittagssonne, heitere Stimmung – ist nicht erfunden, sondern malerische Abrundung einer phantastischen Idee. Schöner als Photos oder Filmchen ist es eine besondere Erinnerung an diesen Sommer 2009, sozusagen das Spitzweg Bild zu diesem wagemutigen Akademie Plan.
Und heute? Heute haben wir schon in der zweiten Spielzeit Aufführungen mit dieser Akademie erfolgreich hinter uns gebracht, die dritte ist in Planung. Junge Studenten aus vielen Ländern, ein inspirierender Dirigent, ein professionell leidenschaftlicher Bayerischer Rundfunk, Tage in München, Tage in Andechs, Applaus, Ansporn, Unterstützung ideell, materiell. Zwei Apfelkuchensommer später, so könnte man sagen. Obendrauf: Carl Orff hat von so etwas geträumt. Ohne Frau Orff gäbe es diesen Traum nicht. Aus dem Verständnis seines Erbes ermöglicht sie diesen Wachtraum, den alle mitträumen können.
Alle Planung kennt auch Winter. Bei solchen Planungen bedeutet Winter Geld, das ist: Fehlendes Geld. Tatsächlich war es Winter, eine Veranstaltung im Orff Zentrum München. Ein sorgenvolles Ich, weil es schneite, und dies leider nur real und nicht Geld. Frau Orff, die mich mit Frau Hermann von der Carl Orff Stiftung in einen Nebenraum bat, und mir mit Freude und lächelndem Gesicht großzügige Unterstützung für unsern Traum verhieß. Das Konzert an diesem Abend war schön, aber ich habe schon ein anderes Orchester gehört, konnte es hören. Noch ein Spitzweg.
Ohne Frau Orff und ihre stete, alljährliche finanzielle Unterstützung wäre der Traum schon geplatzt, die zerstobene Seifenblase eines langen Namens, und der Geist Orffs wäre entwichen, verpufft. Viele helfen uns, allen voran die Carl Orff Stiftung, doch Frau Orff bürgt mir für den Geist. Dafür will sie keinen Thronsessel im Florian – Stadl, keine Plakette, keine Festakte. Sie weiß, was auch wir wissen- Orff ist es wert.
Und noch ein Spitzweg: Premiere der Klugen 2011. Die Andechser ORFF® Akademie des Münchner Rundfunkorchesters unter Christian von Gehren zaubert aus den Noten den nun für alle spürbaren schöpferischen Geist von Orff, das Bühnenbild bildet, die Sänger singen, das Publikum applaudiert. Nach erloschenem Licht geht es auf die Premierenfeier im Bräustüberl. In einem Raum dort sitzt und feiert die Akademie, musiziert auch.
Frau Orff schon am Gehen: „Ich muss noch meiner Akademie auf Wiedersehen sagen“. Sprach`s, tat`s, und tanzte zu akademischen Klängen drei Zwiefache. Was ein Bild, was ein Traum. Lieselotte Orff, die Carl Orff Festspiele, die Andechser ORFF® Akademie des Münchner Rundfunkorchesters – das ist gelebtes Erbe.
Bravo!